Bücher ausmisten – ich habs gemacht

Home/Tipps/Bücher ausmisten – ich habs gemacht

Bücher ausmisten – ich habs gemacht

Was ich fürs Bücher ausmisten bekommen habe

Ja, „mal wieder“ könnte man sagen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich über das Bücher ausmisten schreibe. Aber diesmal war es doch anders, weil viel umfangreicher. Und: ich konnte meinen Mann dazu animieren, im richtig großen Stil mitzumachen.

Angefangen hat es mit der Erkenntnis, dass ja nicht nur der Inhalt von Regalen ausgemistet werden kann, sondern ganze Regale. Vor allem, wenn man danach richtig Platz gewinnen würde. Ich weiß schon, das ist ziemlich radikal und ich würde es meinen Kunden und Kundinnen auch nie empfehlen. Aber ich hatte plötzlich richtig Freude bei dem Gedanken, eine Wand frei zu bekommen und die Wohnung zu lichten.

Ziel: 300 Bücher und ein paar Vorstellungen weniger

In Frage standen zwei Bücherregale, jeweils 2,20 m hoch und 80 cm breit – es ging also ungefähr um 300 Bücher.

Als ich meinen Mann von meinem Vorhaben erzählte, hab ich mit großem Widerstand gerechnet. Aber offenbar habe ich die richtigen Worte gefunden und er war gleich bereit mitzumachen. Nicht ganz ohne Bauchschmerzen, was ja auch verständlich ist.

Schwer motiviert habe ich gleich am nächsten Tag losgelegt, meinen Teil zu erledigen. Den Anfang hat das Regal mit dem Brockhaus gemacht. Das war nun auch für mich nicht einfach, denn das war das Geschenk meiner Eltern zum Uniabschluss. Jahrelang stand er repräsentativ im Regal – ein Utensil, dass in jeden Haushalt gehört – mit dieser Vorstellung war ich aufgewachsen und als Kind habe ich auch tatsächlich Stunden damit verbracht, in den dicken Bänden zu blättern. In den fast 20 Jahren, in den ich meine Ausgabe besessen habe, habe ich vielleicht 100 mal nach Informationen darin gesucht. Ein klarer Fall also von Platzräuber. Mit den 15 Bänden habe ich mich nicht nur von einer Vorstellung verabschiedet, sondern auch vom Symbol zu einer Erinnerun:. der Erinnerung daran, dass ich ein Studium abgeschlossen habe und meine Eltern damit sehr stolz gemacht habe. Das aber ist fast 20 Jahre vorbei. Inzwischen sind soviele andere Dinge passiert, die mein Leben prägen und mein Studium sollte also nicht mehr soviel Platz in unserer gemeinsamen Wohnung einnehmen. Außerdem ist die Erinnerung nicht an den Brockhaus gekettet – sie wird mir bleiben, auch wenn der Brockhaus geht. „Es wird ein guter Tausch“, habe ich mir gesagt, „es wird Platz für etwas, dass JETZT in meinem Leben, im Leben meiner Familie wichtig ist“.

Die Bücher müssen sich ein paar Fragen gefallen lassen

Was danach kam, war viel einfacher. Ich hatte ein klares Ziel: eines der beiden Regale soll leer werden. Wie auch schon bei meinen bisherigen Aktionen, habe ich jeden Titel in Augenschein genommen. Diesmal aber etwas genauer: wusste ich nicht mehr, worum es in dem Buch ging, habe ich die Inhaltsangabe gelesen und wenn ich selbst dann keine Ahnung hatte, wovon das Buch handelte, kam es in eine Bananenkiste. Offenbar hatte es überhaupt keinen Eindruck bei mir hinterlassen, also gab es auch keinen Grund es zu behalten.

Während ich meine Bestände so durchging, fiel mir auf, wie viele Geschichten ich gelesen habe, in denen Kinder entführt, getötet oder mißhandelt werden. Seit ich selbst Kinder habe, lese ich derartige Bücher nicht mehr – ich halte es einfach nicht aus. Also war auch hier die Entscheidung klar: diese Bücher will ich nicht mehr in unserer Wohnung haben.

Dann gab es die Bücher, an die ich mich zwar noch erinnern konnte und die mir auch gefallen hatten, die aber zu einem längst vergangenen Lebensabschnitt gehören: Betty Blue von Phillip Djian ist zum Beispiel so ein Buch. Das habe ich mit 18 gelesen. Damals hat es mich schwer beeindruckt und ich habe im Anschluss fast alles von Djian gelesen. Aber sollte er deshalb noch hier stehen? Ich fand nein und damit wanderte er in die Bananenkiste. Anders als meine John Irving Sammlung. Auch die gehört zu einem anderen Lebensabschnitt und seine letzten Bücher haben mir ganz und gar nicht gefallen. Ich hebe sie aber auf, weil ich denke, dass meine Kinder damit vielleicht genauso in einen Lesesog finden wie ich damals. Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke während ich das schreibe…. dann reicht es ja wohl, wenn ich drei Bücher von John Irving aufhebe. Ja, ich denke, ich werde unserer Hausgemeinschaft heute noch ein paar Irvings anbieten.

In den unteren Regalen versammelten sich meine Bildbände: Reisebildbände, Ausstellungskataloge und Museumskataloge. Dick, schwer und schön anzusehen. Und natürlich ein Beweis, dass ich mal in Ausstellungen war…Kaum eines dieser Werke habe ich nach dem Kauf mehr als fünfmal in der Hand gehabt. Warum also aufheben? Weil sie mich daran erinnern, dass ich mal in St. Petersburg war? Weil sie mein kurz aufflackerndes Interesse für El Greco dokumentieren (so kurz, dass man von Interesse gar nicht sprechen darf)? Weil sie eines der ersten „Erwachsenengeschenke“ meiner Schwestern waren, wie das Fotobuch über Marilyn Monroe?

Am Ende hatte ich drei Bananenkisten gefüllt. Weil ich meine Hausgemeinschaft nicht überfordern wollte, brachte ich nur eine davon in unseren Eingang. Wie auch die letzten Mal, erwiesen sich meine Nachbarn als sehr dankbare und zuverlässige Abnehmer. Nach zwei Tagen waren die Bücher weg. Die anderen beiden Kisten habe ich nach und nach in Büchertaschen in unserer Nähe gebracht.

Meine Bücher gehen auf Reisen

Als ich vor ein paar Wochen meiner 80-jährigen Nachbarin davon erzählte, wie ich das mit dem Bücher ausmisten mache, meinte sie „Ach, dann ist der Ringelnatz wohl auch von Dir? Den hab ich mir genommen.“ Und eine andere Nachbarin hat gleich mehrfach zugeschlagen – als ich sie letztens in ihrer Wohnung besucht habe, habe ich dort mehrere „meiner“ Bücher entdeckt. Der Gedanke, dass meine Bücher in den verschiedenen Wohnungen unseres Hauses stehen und vielleicht gerade gelesen werden, macht mich auch nach Wochen noch sehr zufrieden.

Und was habe ich jetzt fürs Bücher ausmisten bekommen? Nicht nur mehr Platz, sondern auch das Wissen, dass mich jetzt – fast – nur noch Bücher begleiten, die ich wirklich schätze, die mich beeindruckt und positiv beeinflusst haben.

Was mein Mann zu alldem sagt – das gibt es demnächst hier zu lesen.

By | 2017-10-11T14:10:17+00:00 September 1st, 2016|Categories: Tipps|

Leave A Comment

*