Durchs Tal der Tränen – Decluttern für mehr Freiheit

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Durchs Tal der Tränen – Decluttern für mehr Freiheit

Mein Weg aus dem Chaos

Ich bin auf Tubbie über ein Ordnungs- und Minimalismusforum aufmerksam geworden. Sie fiel mir durch zwei Dinge auf: die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und den Willen auch schwierige und schmerzvolle Entscheidungen anzupacken. Wer einmal so wie Tubbie im erdrückenden Überbesitz gelandet ist, braucht beides, um sich daraus zu befreien. Ich wollte wissen, warum sie es schafft, was ihr den Anstoß gegeben hat und wie auch, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Sie hat mir den folgenden Bericht geschrieben, den ich sehr beeindruckend finde. Nicht nur, weil sie sehr persönlich schreibt und sich nicht hinter Ausreden versteckt, sondern weil sie soviel Aspekte durchschaut hat, die zu ihrer verzweifelten Situation geführt haben. Und sie beschreibt Lösungen.

Tubbie bleibt dran und sie wird ihr Ziel erreichen.

Gestattet, dass ich mich kurz vorstelle

Ich bin eine Frau im besten Alter, geringfügig 50+, jahrzehntelange Ehefrau und Mutter von zwei erwachsenen Kindern.Ich habe maturiert, ein Studium absolviert und stehe mit beiden Beinen fest im (Berufs)Leben. Seit nunmehr fast 20 Jahren habe ich einen festen Job, und ich verdiene gut. Auch mein Mann ist sehr erfolgreich in seinem Beruf und so sind wir in der glücklichen Lage, ein finanziell unbeschwertes Leben zu genießen.Und trotzdem geriet unsere Welt massiv in Schieflage, worüber ich nun berichten möchte.

Es war eines Tages im Mai. Mein Mann und ich beschlossen spontan, uns im Erdgeschoss unseres Hauses ein Zimmer mit einer Schlafmöglichkeit einzurichten. Eine simple Beinverletzung hatte uns aufgezeigt, wie mühsam das Treppensteigen sein kann. Und schließlich werden wir ja alle nicht jünger.

Gesagt, getan. Wir beschlossen, das im ersten Stock gelegene ehemalige Zimmer unserer Tochter mit meinem Büro im Erdgeschoß zu tauschen. Dazu mussten also die Zimmer leergeräumt werden, damit wir die Möbel abbauen konnten. Ich begann also, den Inhalt von meinem Büro ins Wohnzimmer zu schaffen. Ich räumte, räumte … und räumte. Ich hörte nicht mehr auf. Das Wohnzimmer war schon ganz vollgeräumt, und ich schleppte immer noch Kartons und Kisten heran … All das hatte ich in meinem Büro gehortet.

Der Schock

Mein Mann, der am Anfang der ganzen Aktion noch ganz gelassen war, wurde zunehmend unruhiger. Irgendwann dazwischen äußerte er seine Bedenken, dass diese ungeheuren Mengen unmöglich in das neue Zimmer passen würde. Ich ignorierte das und ich räumte weiter. Er jedoch verfiel zunehmend in eine regelrechte Verzweiflung. Diese wich alsbald purer Panik. Ich war so beschäftigt mein Zimmer auszuräumen, dass ich seinen Zustand nicht wahrnahm.

Bis er plötzlich meinte, nichts mehr hören zu können.

Was war geschehen? Sein Körper hat bei diesem ungeheuren Stress, den ich ihm verursacht habe, die Notbremse gezogen, und ihn mit einem Hörsturz (auch Ohrinfarkt genannt, häufig ausgelöst durch massiven Stress) „ausgeknockt“.

Wie konnte es soweit kommen? Mein sogenanntes „Büro“… Tja, sowas war es einmal gewesen, als wir vor 11 Jahren unser schmuckes neues Haus bezogen. Ausgestattet mit einer Kastenfront, für Ordner, weil ich total viel Bürokram habe. Ich verwalte mehrere Immobilien, habe die Sachwalterschaft für meine Mutter, Finanzunterlagen etc. Da kommen richtig viele Ordner zusammen. Und einen großen Schreibtisch brauchte ich natürlich auch.

Ich bin ein sehr kreativer Typ, liebe es, Dinge mit meinen Händen zu gestalten und zu schaffen. Das ist für mich ein idealer Ausgleich zu meinem trockenen Bürojob. Handarbeiten ist meine große Leidenschaft. Von Jugendalter an häkle, sticke, stricke, nähe, patchworke und quilte ich. Zuletzt habe ich mich auch noch mit Perlenfädeln beschäftigt, Seife sieden, etc. Ich liebe selbstgemachte Geschenke und Basteleien. Wer so viele Hobbies hat, brauch auch viel Material. Und nach und nach verwandelte sich mein „Büro“ in mein Hobbyzimmer. Auf dem Schreibtisch stand meine Nähmaschine, in den Kästen sammelte sich mein Hobbymaterial, und alles andere rückte in den Hintergrund…

Der Leim auf den ich ging

Wir leben in einem beschaulichen kleinen Städtchen in den Voralpen, umgeben von ländlichem Gebiet. Es gibt keine Shoppingtempel in der näheren Umgebung, lediglich ein Handarbeitsgeschäft, und das führt nur ein „überschaubares“ Sortiment. Ich bin und war immer schon im Internet sehr aktiv, in diversen Handarbeitsforen und -gruppen. Mit Gleichgesinnten tauschte ich mich laufend über die neuesten Trends aus.Wenn ich dann wieder das Handarbeitsgeschäft aufsuchte, um mir Material zu besorgen, guckten mich die Verkäuferinnen mit großen Augen an …

Also verlegte ich mich nach und nach darauf, im Internet einzukaufen. Wie praktisch! Die Internetshops sprossen in den letzten Jahren wie die Pilze aus dem Boden. Jahrelang tappte ich in diverse Konsumfallen, ohne es zu merken. So komfortabel Internetshoppen ist, so hat es auch seine Tücken:

1) Die Onlinezahlung: Mit den modernen Onlinezahlungssystemen ist es möglich, mit einem einzigen Knopfdruck zu bezahlen. Einmal die Daten der Kreditkarte hinterlegt, schließt man mit einem einzigen Knopfdruck den Kauf ab. Ohne lange zu reflektieren, ob frau die Sachen auch tatsächlich benötigt. Das fördert den Impulskauf.

2) Der Schmäh mit den Versandkosten: Versandkosten sind teuer, länderübergreifend sowieso. Zumeist sind sie gestaffelt, oder Einkäufe ab einem bestimmten Einkaufswert überhaupt kostenlos. Und so erlag ich lange Zeit einem Trugschluss: Um „Versandkosten zu sparen“, bestellte ich regelmäßig mehr als ich tatsächlich benötigte.

So begann ich, nicht nur das Objekt meiner Begierde zu ordern, sondern ich füllte meinen Warenkorb regelmäßig so lange mit allen möglichen Dingen auf, bis die Lieferung versandkostenfrei war.

3) Aggressive Onlinewerbung: Diverse Onlineshops locken mit Rabatten und Gutscheinen, wenn man sich zum Newsletter anmeldet. Das machte ich regelmäßig, und so wurde mein Email-Postfach regelmäßig mit Onlineangeboten überschwemmt. Da es offenbar auch einen regen Handel mit Emailadressen gibt, folgten diverseste Zuschriften mit Angeboten aller Art.

4) Großmengenrabatte: Waren sind billiger, wenn man mehr davon nimmt. Das ist ja grundsätzlich ganz zweckmäßig und nett. ABER was tun mit den Großmengen, wenn die Kinder ausgezogen sind, und es sich nur mehr um einen Zweipersonenhaushalt handelt??

Im Vorratsschrank türmten sich in der Folge Großpackungen von Kosmetika, Duschbädern, WC Papier, etc. Auch erlesene Lebensmittel habe ich dann online geordert. Kosmetika wurden ranzig, Lebensmittel schlecht. Zudem stellt auch zunehmend ein logistisches Problem. Man gerät alsbald an seine räumlichen Grenzen, und es stellt sich schließlich das Problem, dass man das alles nicht mehr geordnet verstauen kann.

Kaufen als Tablette gegen Stress

Jahrelang shoppte ich im Internet. Erst hauptsächlich meine Hobbysachen, dann aber auch zunehmend Waren aller Art.Da ich von früh bis spät in einer Firma arbeite, komme ich selten in Geschäfte. Also bestellte ich schließlich Bekleidung, Schuhe, Geburtstagsgeschenke, Haushaltswaren, und alles für Weihnachten… Dabei keine billige Ramschware, sondern sehr hochpreisige Markenwaren.

Wenn man im Geschäft einkauft, dann sucht man sich einige schöne Dinge zusammen, und entscheidet sich dann, welches man nimmt. Beim Internetshoppen verhielt ich mich ähnlich: Ich bestellte mehrere Sachen zur Ansicht, behielt aber letztendlich doch oft alles. Vor unserer Tür türmten sich nahezu täglich die Pakete, wenn ich spät am Abend nach Hause kam. Unser Nachbarshund, der eigentlich scharf abgerichtet war, begrüßte die Botenfahrer schon mit Schwanzwedeln. Sie waren ihm schon allzu vertraut.

Ich weiß nicht, ob ich kaufsüchtig war im diagnostischen Sinne. Aber heute ist mir klar, dass dieses Kaufverhalten wirklich nicht normal war. So verbrachte ich meine Mittagspause in der Arbeit regelmäßig damit, die Newsletter zu lesen, und in diversen Shops einzukaufen. Da ich so hart arbeitete, hatte ich das Gefühl, mich dafür belohnen zu müssen.

Wir hatten auch einen schweren Krankheitsfall in der Familie, der mich zusätzlich sehr belastete und fast meine ganze Zeit in Anspruch nahm. Ich redete mir also ein, dass ich mich auch dafür mit schönen Dingen aus dem Internet entschädigen müsse.

Der Nachschub durfte nicht versiegen

Die Realität war aber tatsächlich eine andere. Der Reiz des Neuen und Schönen verflog zunehmend. All diese wunderbaren Dinge, die ich bestellte, bedeuteten mir nichts mehr und waren mir zunehmend egal, sobald sie geliefert waren. Am Anfang packte ich noch alles aus, was angeliefert wurde. Doch ich wusste dann einfach nicht mehr, wohin mit all diesen Sachen. Teilweise schaute ich mir die Waren zumindest noch an, aber zunehmend öffnete ich die Pakete dann gar nicht mehr. Stattdessen stopfte ich die Lieferungen in den originalverschlossenen Kartons in alle unsere Kästen, und dann räumte in den Keller damit voll. Mehrfachbestellungen waren keine Seltenheit, da ich schlichtweg vergessen hatte, dass ich die Dinge bereits einmal bestellt hatte.

Der Hörsturz meines Mannes rüttelte mich regelrecht wach.

Er nötigte mich zu der Einsicht, dass es so nicht weitergehen könne. Ich hielt inne, und versuchte zu verstehen, was passiert war, und wie es hatte soweit kommen können. Je länger ich nachdachte, umso mehr verstand ich, wie sehr auch mir diese ganze „Konsumlawine“ zusetzte. Wie auch mich diese ungeheure Fülle an Dingen bedrängte, und ein Unwohlsein erzeugte. Ich begann zu verstehen, wie sehr uns diese Unmenge an Dingen permanent stresste und auch gesundheitlich zusetzte. Und ich begriff, dass ich meinen ausufernden Konsum einschränken und beenden musste. Und dass es unbedingt notwendig war, in meinem Leben wieder Ordnung zu schaffen.

Erste Schritte in die Freiheit

Als ersten Schritt stornierte ich sämtliche Newsletter, und ließ meine Kundenkonten in diversen Internetshops löschen. Dann begann ich, mich mit dem Thema „Ordnung schaffen“ zu beschäftigen. Ich las mich in dieses Thema ein, lernte so die verschiedensten Methoden kennen, etc. Es gab auch so eine Art Übergangsphase, in der ich zwar noch bestellte, aber es dann zumindest schaffte, die Waren zu retournieren und nicht zu behalten. Da erkannte ich dann endgültig die Absurdität meines Verhaltens: Erst bestellen, und dann retournieren, nur damit das Zeug wieder wegkommt! Wie krank war das!!

Ich versuchte diese unreflektierten Impulskäufe zu stoppen. Wenn ich einen gezielten Bedarf hatte, versuchte ich mir erst einmal klar zu werden, ob es nicht irgendwo in meinem Haushalt nicht ohnehin schon so etwas gab. Meist wurde ich auch fündig. Auf jeden Fall versuchte ich, erst noch einmal eine Nacht darüber zu schlafen, ehe ich eine Bestellung absetzte. Allzu oft stellte ich dann nämlich fest, dass der Bedarf tatsächlich am nächsten Tag nicht mehr akut war.

Nach und nach hörte ich mit dem Internetshoppen auf, und ich begann mein Haus zu DECLUTTERN / „entrümpeln“.

Ich wehre mich gegen Begriffe wie „Entrümpeln“ und „Ausmisten“. Das impliziert nämlich, dass meine Sachen alles Gerümpel oder Mist wären. Dem ist nicht so, es sind zum größten Teil sehr hochwertige Gegenstände. Oft noch mit Preisschild daran, originalverpackt, unbenützt, fabriksneu. Aber das ist egal. Ob fabriksneu oder alt und zerschlissen: JEDES TEIL BRAUCHT PLATZ!

Ich bevorzuge vielmehr den Begriff aus dem Englischen, DECLUTTERN. Denn CLUTTER bedeutet Unordnung, und demzufolge bedeutet DECLUTTERN im Deutschen „Ordnung schaffen“. Und das ist das, was ich tatsächlich gerade mache.

Wobei, wenn ich ehrlich bin, ist das eigentlich Schönrederei. Es ist ein plumper Versuch, ein ernsthaftes Problem netter klingen zu lassen. De facto macht es aber keinen Unterschied. Denn machen wir uns nichts vor: Für andere Menschen, die zu persönlichen Dingen keinen wie immer gearteten emotionalen Bezug haben, sind meine Dinge wertloser Plunder, und damit schlicht und ergreifend Mist.

Zwischenzeitig musste ich leider auch die Wohnung meiner Mutter auflösen. Und als ich so ganz alleine in ihrer vollen Wohnung inmitten ihres ganzen Hausrates stand, habe ich mir geschworen, dass ich das meinen Kindern nicht antuen möchte.

Da ich mich Gott sei Dank zu diesem Zeitpunkt bereits in meinem eigenen DECLUTTER-Prozess befand, war es mir möglich, all ihre wundervollen Dinge gehen zu lassen. Ich habe mir zwei Andenken behalten, und einen Karton voll mit Fotoalben, die wir in der kurzen Zeit nur grob sichten konnten.

Nun räume ich nach und nach unser Haus zusammen. Ich möchte nur mehr Dinge behalten, die ich tatsächlich verwende, oder mit denen ich in irgendeiner Weise emotional verbunden bin. Alles andere möchte ich loslassen. Mich nicht länger mit Dingen belasten, die mir Energie und Lebensraum rauben. Es ist ein Prozess, der sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Aber schließlich hat es auch fast ein Jahrzehnt gedauert, unser Haus derart vollzustopfen mit Dingen.

Dieses Leben will ich haben!

Dieses Loslassen empfinde ich als sehr befreiend. Mit jedem Teil, das geht, fühle ich mich freier, kriege wieder Luft zum Atmen. Ich fühle, wie auch ich ausgeglichener werde. Es wird so unendlich viel gebundene Energie frei. Blockaden lösen sich, und so manch ein Problem, das länger andauerte, löst sich scheinbar von selbst, ganz so als würde ein Knoten platzen. Für diesen Prozess nehme ich mir bewusst Zeit. Für mich ist das Thema DECLUTTERN/ MINIMALISMUS eng mit Nachhaltigkeit verbunden.

Ich empfinde bei allen Sachen tiefen Respekt, vor den Rohstoffen, die sie beinhalten, und auch vor der menschlichen Arbeitskraft, die sie hervorbrachte. Mein Ziel ist nun, den Dingen ihren wahren Wert zurückzugeben. Es wäre ein Leichtes, alles in den Müll zu werfen. Aber das wird diesen Dingen nicht gerecht.

Mit dem Verkauf von meinen gehorteten Waren habe ich fast nur schlechte Erfahrungen gemacht. Es braucht enorm viel Zeit, sie entsprechend in Onlineauktionen und -Foren anzupreisen, und eine aussagekräftige Beschreibung zu erstellen. Ich habe für mich beschlossen, dass mir diese Zeit einfach zu kostbar ist. Diese Dinge haben schon so viel meiner Lebensenergie und Lebenszeit verbraucht, dass ich nun nicht noch einmal soviel meiner guten Zeit hinterher schmeißen möchte. Also spende und verschenke ich den Großteil meiner Sachen. Es gibt regelmäßig Flohmärkte für karitative Zwecke in der Region, bedürftige Familien, oder lokale ZU-VERSCHENKEN-Gruppen auf Facebook.

Die finanzielle Einbuße, die ich dadurch erleide, sehe ich als Lehrgeld an. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich freue mich schon sehr darauf, unbelastet und unbeschwert leichtfüßig den Rest meines Lebens genießen zu können.

 

By | 2017-12-12T11:07:33+00:00 Dezember 12th, 2017|Categories: Tipps|

2 Comments

  1. Sonja 13. Dezember 2017 at 07:23 - Reply

    Das kenne ich nur zu gut. Wolle, Stoffe, Malutensilien, Bücher. Alles neuwertig, da fällt loslassen doppelt schwer.

    • Katrin Miseré 13. Dezember 2017 at 10:35 - Reply

      Liebe Sonja, das ist verständlich. Vielleicht hilft dieser Blickwinkel: der Warenwert ist ein rein willkürlich festgelegter Wert (vom Hersteller). Der Wert für den Nutzer ist nicht zu beziffern, aber weit aussagekräftiger. Zudem: das Geld ist ja eh schon verloren. Das Loslassen ist einfach eine notwendige Kurskorrektur UND eine Investition in die eigene Lernkurve. Leicht ist das nicht, aber richtig. Weil Du dadurch auch lernst, welche Projekte und Hobbies dir wirklich am Herzen liegen. Und zwar jetzt und heute und nicht damals oder irgendwann mal.

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