Ein Ausmistverweigerer traut sich

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Ein Ausmistverweigerer traut sich 2017-09-05T10:54:49+00:00

Bücher ausmisten Teil 2

Als mein Mann und ich uns kennenlernten, wusste er nicht, dass er mal eine Ordnungsberaterin zur Frau haben würde. Das, was ich bei wirklich allen Kunden ohne Ausnahme erlebe, gilt auch bei uns: der eine tut sich enorm schwer mit dem Ausmisten, dem anderen ist es geradezu ein Bedürfnis. Nicht leicht also, da einen Modus zu finden, der für beide gut lebbar ist.

Wie bei meinen Kunden, hatten auch mein Mann und ich regelmäßig Diskussionen und ich habe irgendwann beschlossen, einfach dafür zu sorgen, dass zumindest meine Sachen und die der Kinder regelmäßig in Augenschein genommen, neu bewertet und ausgemistet werden.

Wir hatten im letzten halben Jahr einiges an Schwierigkeiten gemeistert. Ich hatte den Eindruck, dass das Bücherausmisten dagegen doch ein Klacks sei und klopfte deshalb nach vielen Jahren mal wieder an. Und siehe da: die Tür ging auf!

Ich bedanke mich sehr für die folgende Schilderung und noch mehr dafür, dass er über seinen Schatten gesprungen ist.

Von mir aus hätte es immer so weitergehen können

Ich bin inmitten von Büchern aufgewachsen. Große Teile der Wände unseres Zuhauses waren mit Regalen verstellt. Die Bretter bogen sich vor Büchern meines Vaters und meiner Mutter, die beide Wissenschaftler waren. Selbst in meinem Kinderzimmer standen auch mehrere Regale und schon als Kind war ich über die schiere Menge stolz. Bis zu meinem 20. Lebensjahr ging es so dahin: Neue Bücher kamen hinzu, aussortiert wurden allenfalls Zeitschriften. Das Abstauben der Bücher im Haus war eine Arbeit mehrerer Tage.

Plötzlicher Zuwachs

Nach dem Tod meiner Mutter 2001 habe ich viele ihrer Bücher und auch einiges an Korrespondenz und persönlichen Unterlagen übernommen. Und zwar nicht nur von ihr selbst, sondern aus fünf Generationen der Familie. Auch wenn ich damals schon drei Mal aussortiert habe,  sind immer noch ungefähr 30 Regalmeter Bücher und Noten, sowie 6 Umzugskisten mit Bildern, Filmen und Korrespondenz in meinem Haushalt geblieben. Einen Teil habe ich relativ bald in das Ferienhaus meines Vaters gebracht. Es waren die Dinge die meine Mutter selber von ihren Eltern und Großeltern übernommenen hatte. Es war mir klar dass ich mich erst mal nicht um die Einzelheiten dieser Dinge kümmern konnte – und kümmern wollte. Zum Einen fehlte mir schlicht die Kraft dazu. Zum Anderen hatte auch meine Mutter über Jahrzehnte schließlich nichts anderes damit angefangen, als sie lediglich zu verwahren. Was konnte also daran so schlimm sein, wenn ich das Gleiche tat? Wegwerfen jedenfalls kam natürlich nicht in Frage. Einmal im Ferienhaus, wurden diese Sachen 12 Jahre lang nicht mehr angerührt. Der weitaus größte Teil zog in den gemeinsamen Haushalt mit meiner Frau ein. Zum Teil waren die Dinge in Umzugskisten gestopft, da der Platz in unserer Wohnung hinten und vorne nicht für die erforderlichen Regale ausgereicht hätte.

Unser Besitz soll sich uns anpassen – nicht umgekehrt

Wir bekamen zwei Kinder und zogen in eine größere Wohnung. 105 Quadratmeter, dachte ich, würde alle Platzfragen lösen. So holte ich die Sachen aus dem Ferienhaus und die Umzugskisten wurden aufgelöst und ihr Inhalt wanderte in Regale und  Schränke. Am Ende waren wieder alle Wände voll gestellt, und ich war mit der Kraft mich von Dingen zu trennen nach dem langen hin- und her erst mal am Ende.

In der Zwischenzeit war in Vergessenheit geraten, was die Dinge für mich eigentlich bedeuteten. Selbst zu meinen eigenen Sachen die für fünf Jahr ein Umzugskisten schlummerten war mir weitgehend der Bezug abhanden gekommen. Zu den aus der Familie übernommenen, deponierten Dingen habe ich ohnehin wenig Bezug aufbauen können.. Doch selbst die ins Regal gestellten Gesamtausgaben von Goethe, Brentano, Jean Paul und Arno Schmidt habe ich kaum gelesen, wie auch die Literatur über Komponisten und ihre Zeit. Der Beschluss war einst: „Diese Bücher lese ich in unbestimmter Zukunft, ansonsten stehen sie im Regal und sehen gut aus.“ Sie waren eben, wie man sagt, „repräsentativ“. Auch die zwei Regalmeter über Religion und Philosophie haben mich eher abgeschreckt als eingeladen, sich mit ihnen zu beschäftigen. Es war im Grunde alles zu viel.

Als kreativer Zerstörer trat wie schon so oft meine Frau auf den Plan: Zwei von vier Regalen sollten aus dem Wohnzimmer weg, damit wir Platz zum Knotzen für unsere größer werdenden Kinder hätten und sie habe auch schon angefangen ihren Teil zu tun – aha!

Dieses Ziel fand ich gut, aber: Von was in aller Welt sollte ich mich trennen? Diese Dinge hatte meine Familie doch über Generationen aufbewahrt. Erst wurde mir bei dem Gedanken, was denn nun weg solle heiß und kalt. Dann aber kann die Erkenntnis dass der Zweck der Dinge ja nicht darin erschöpft sein konnte, dass man sie irgendwie verwahrt. Dann wurde mir klar: Es gibt für jedes Ding, für jeden Band Noten, jedes Buch zwei Daseinsgründe: Den Grund aus dem sie einmal von meinem Ur-Urgroßvater, Ur-Großvater, Großvater, Großmutter oder Mutter angeschafft wurden, und den Grund aus dem ich sie aufbewahren möchte. Um herauszufinden was sie mir bedeuten, beginne ich jedes einzelne Stück nach seiner Geschichte zu fragen. Dadurch schaffe ich zum ersten Mal meinen ganz eigenen Blick auf die Dinge und ich merke, erst jetzt gehören sie wirklich mir. Dadurch dass die Sachen mir jetzt auch innerlich gehören, kann ich endlich frei darüber verfügen. Dazu gehört auch die Freiheit mich von ihnen zu trennen. Mit dieser Erkenntnis, vielen die einzelnen Entscheidungen leicht.

Das Auswählen war jetzt relativ einfach: Persönliche Gegenstände wie Briefe, Manuskripte oder Urkunden möchte ich erst einmal behalten. Bücher, Noten, und auch Wertsachen die keine persönlichen Spuren meiner Vorfahren aufweisen behalte ich nur wenn ich einen Zweck dafür habe. Bei den anderen gilt: Werthaltiges wird verkauft, alles andere verschenkt oder – notfalls – weg geworfen.

Manche Dinge behalte ich „auf Bewährung“: Was ich davon in den nächsten beiden Jahren nicht lese kommt auf jeden Fall weg.

Die Regale sind weg. Einige Bücher, Taschenbücher zumeist, habe ich in eine öffentliche Auslage gelegt, und sie haben vermutlich neue Besitzer gefunden. Noch längst ist nicht Alles getan. Wertvolle Bücher und Noten möchte ich verkaufen und das wird einige Zeit brauchen. Anderes geben ich in der Familie oder an Freunde weiter. Ich freue mich die Geschichte der Dinge und meine Erinnerungen mit ihnen zu teilen.

Die Wand ist frei – wir haben es tatsächlich geschafft.