Neue Routinen – Dranbleiben lohnt sich

Im letzten Beitrag habe ich Tipps angekündigt, wie man Routinen entwickeln kann. Ich habe auch von unseren 8 Ordnungsroutinen erzählt. Die sind inzwischen so felsenfest in unserem Familienalltag verankert, dass wir sie auch mal kurzfristig schleifen lassen können. Die Wäsche wird vielleicht mal zwei Tage nicht abgehängt – kein Drama, weil alles andere passt. Vielleicht lasse ich auch mal die halbjährliche Kleiderschau aus. Macht nix. Davon quillt mein Kleiderschrank nicht über.
Kopfschmerzen am Abend? Viel zu viel gegessen? Erst spät aus dem Park heimgekommen, weil es einfach so lustig war? Dann wird die Spülmaschine eben erst morgen früh ausgeräumt.

Die Ausnahmen bleiben Ausnahmen. Sie bereiten uns kein Kopfzerbrechen und bringen nicht alles völlig durcheinander. Wir können uns darauf verlassen, dass wir schnell wieder auf Spur kommen.

Die Magie von Routinen besteht darin, dass man sie nicht in Frage stellt und sie genau deshalb kaum Energie kosten. Routinen entwickeln ist ein längeres Projekt. Aber wenn sich die Magie mal einstellt, sind sie tolle Helfer.

Das Konto der guten Erfahrungen muss gefüllt werden

Aber warum stellt man Routinen nicht in Frage? Weil man über einen längeren Zeitraum fast ausnahmslos gute Erfahrungen mit ihnen gemacht hat. Diese Erfahrungen sind quasi wie ein Bankkonto. Jede neue gute Erfahrung landet auf diesem Konto und arbeitet für uns. (Jaja, ich weiß schon der Vergleich hinkt wie noch nie ein Vergleich gehinkt hat. Zinsen ein Witz – da tut sich gar nix auf dem Bankkonto. Aber als Bild funktioniert der Vergleich trotzdem.)

Mit jeder neuen guten Erfahrung, verfestigen wir unsere neue Wunschgewohnheit. Haben wir eine bestimmte Summe an positiven Erfahrungen gesammelt, wollen wir auf das positive Ergebnis oder das gute Gefühl nicht mehr verzichten. Der Aufwand erscheint gering, verglichen mit dem was wir dafür erhalten. Wenn nicht gering, so auf jeden Fall der Mühe wert. Mehr braucht es nicht, um jedes Mal von Neuem in die Gänge zu kommen.

Wenn wir neue Routinen entwickeln, ist der Anfang allerdings haarig – eben weil wir noch nicht so genau wissen, ob sich der Aufwand lohnt. Ob das Ergebnis wirklich so grandios ist, oder wir uns wirklich viel besser fühlen.

7 Punkte, wie Sie Routinen entwickeln

Da hilft nur eins: dranbleiben und die neue Routine immer wieder testen. Regelmäßig über einen längeren Zeitraum. Die meisten Ratgeber sprechen von 6 Wochen. Ich rate meinen KundInnen mindestens 3 Monate durchzuhalten. Besser noch ist ein halbes Jahr. Denn dann sind auch ein paar Hänger drin, ohne dass man gleich das ganze Projekt komplett abbricht.

Wollen Sie eine neue Routine entwickeln? Ich fahre sehr gut mit dieser 7-Punkte Strategie.

  1. Das “Warum” klären

    Bei mir klärt sich die Frage nach dem “Warum” meist, weil ich etwas bestimmtes nicht mehr will. Meist ist es einfach ein ungutes Gefühl, das ist loswerden möchte. Ich frage mich dann: welches Gefühl möchte ich stattdessen haben. So erkenne ich ganz schnell, welche meiner Gewohnheiten ich dafür ändern kann (ganz wichtig: kann und nicht muss. Ich sehe es als eine Möglichkeit, ein Geschenk – nicht als eine Pflicht). Nur wenn Sie diesem positiven Gefühl wirklich nachspüren können, hat es Sinn sich auf den Weg zu machen. Klären Sie also gründlich, ob die Motivation vielleicht nur von außen kommt. Machen Sie es sich aber nicht zu leicht.
    Ein Beispiel: Sie und Ihr Partner streiten ständig wegen der Unordnung. Nun könnten Sie einfach denken “Na, wenn ich mir angwöhne, meine Sachen gleich wegzuräumen, dann ändere ich meine Gewohnheit ja nur für meinen Partner” (was im Übrigen auch nicht sooo verwerflich wäre). In dem Fall würden Sie nicht mit einem positiven Gefühl belohnt. Wenn Sie näher darüber nachdenken, könnten Sie zu dem Schluss kommen, dass Ihre Motivation zwar nicht ein Plus an Ordnung, aber ein Plus an Harmonie sein könnte. So hätten Sie eine Motivation gefunden, die wirklich aus Ihrem Inneren kommt. Also: ruhig ein wenig graben.

  2. Ambitioniert und realistisch planen

    Wer etwas will, braucht Ambition. Aber keinen Druck. Im Austarieren zwischen positiver Ambition und negativem Druck liegt die Kunst. Ihre anfängliche Euphorie werden Sie nicht sehr lange halten können. Darauf sollten Sie gefasst sein. Das ist normal. Jetzt heißt es, den Schwund an Schwung nicht zu ernst zu nehmen. Eigentlich geht es jetzt erst richtig los. Sobald Sie ein paar Mal Ihrer neuen Wunschgewohnheit auch ohne Schwung nachgegangen sind, zahlen Sie auf das Konto ein.
    Für zeitintensivere Projekte wird es unter Umständen nötig sein, eine zeitlang auf etwas anderes zu verzichten. Überlegen Sie schon vorher, was das sein könnte. Der Zufall (“wenn ich mal Zeit habe”) wird Ihnen garantiert nicht zur Hilfe kommen. Ist die Gewohnheit erst in Ihnen verankert, werden Sie den Verzicht gar nicht mehr als Verzicht empfinden.

  3. Umgewöhnen statt abgewöhnen

    Achten Sie auf Ihren inneren Dialog: Sie gewöhnen sich nicht etwas ab, sondern Sie gewöhnen sich etwas an. Manchmal sind wir wirklich so einfach gestrickt: wenn wir etwas hergeben sollen, selbst wenn es eine fürchterlich nervige Gewohnheit ist, werden wir wie Kleinkinder, die den Sandeimer nicht loslassen wollen.

  4. Hinderliche Auslöser ersetzen

    Eine der größten Hürden – wenn nicht die größte – ist es einfach in die Gänge zu kommen. Wenn es Ihnen immer wieder passiert, dass Sie sich nicht aufraffen können, machen Sie sich auf die Suche nach dem störenden Auslöser. Dieser Auslöser bringt Sie automatisch von Ihrem Vorhaben ab. Erst wenn Sie diesen fiesen Trigger kennen, können Sie ihn ersetzen.
    Ein Beispiel: Ihr Vorhaben ist es, sich morgens mehr Zeit fürs Frühstück zu nehmen. Sie haben schon zu oft mit knurrendem Magen und unkonzentriert in Besprechungen ausgeharrt. Sie wissen: bis ich meine Gewohnheit etabliert habe, werde ich darauf verzichten, 3mal die Schlummertaste zu drücken. Das genau ist auch der störende Auslöser: der Griff im Halbschlaf.
    Sie brauchen also einen neuen Auslöser, der Ihnen hilft gleich aufzustehen. Das können Sie erreichen, indem Sie Ihr Handy/Wecker nicht neben dem Bett haben. Hilfreich könnte es zudem sein, bereits am Abend den Frühstückstisch zu decken.

  5. Hänger einplanen

    In jedem Ratgeber steht: Hänger gehören dazu. Aber wie schaffen Sie es, sich tatsächlich nicht von Hängern demotivieren zu lassen? Ich plane meine Hänger ein. Ich erlaube mir eine bestimmte Menge an Jokern. Wenn ich sie dann nicht verwendet habe – Schulterklopfen.
    Wenn ich den Joker verwende, merke ich meistens, dass sich das nur kurzfristig (aaaach – faul sein) gut anfühlt. Den negativen Beigeschmack verdränge ich nicht. Im Gegenteil, ich lasse ihm Raum, damit ich mich das nächste Mal gut dran erinnern kann. Dann kann ich ja entscheiden: was von beidem möchte ich lieber haben?

  6. Funktionierende Routinen zum Vorbild nehmen

    Welche Routinen haben Sie bereits? Wie haben Sie die etabliert? Was haben Sie von diesen Routinen? Was Sie einmal hingekriegt haben, klappt auch ein weiteres Mal.

  7. Verantwortung übernehmen

    Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr Vorhaben, übernehmen Sie Verantwortung für Hänger. Aber am Wichtigsten: übernehmen Sie Verantwortung für die Erfolge, wenn Sie neue Routinen entwickeln.
    Ein Erfolg ist es jedesmal, wenn Sie
    – sich aufgerafft haben
    – das angestrebte Gefühl erleben
    – einen Joker nicht verwendet haben
    – Freude an der Routine empfinden.

    Das alles kommt nicht von selbst. Das ernten Sie, weil Sie etwas dafür tun!

Hartnäckige Gewohnheiten brauchen noch längeren Atem

Mein persönliches Projekt ist es gerade, meine Abende aktiver zu verbringen und weniger fern zu sehen. Es ist wirklich ziemlich vertrackt. In meiner Kindheit gehörte das abendliche Fernsehen absolut zum Tagesende. Ich habe es also als “so entspannt man sich” abgespeichert. Diese Gewohnheit ist eine echt harte Nuss. Wir haben deshalb z.B. auch kein Kabelfernsehen, kein Netflix oder Amazon Prime, weil ich es mir damit noch schwerer machen würde.

Meine harte Nuss

  1. Mein Warum: ich mag das Gefühl nicht, die Zeit tot geschlagen zu haben. Es macht mich unzufrieden.
  2. Wir schauen Filme, die ich gezielt aussuche. Dafür gehe ich in die Bücherei (ja tatsächlich. Eine Freundin hat mich deswegen sogar schon ausgelacht). Dadurch werden die Möglichkeiten automatisch weniger. Der Tatort am Sonntag wird auch nicht gestrichen.
  3. Ich schaffe mit eine Palette an neuen Möglichkeiten, den Tag zu beenden.
  4. Mein Auslöser ist, wenn die Kinder im Bett sind. Dann fahre ich komplett runter – automatisch. Ich umgehe ihn (nein, nicht indem die Kinder nicht mehr schlafen dürfen), indem ich mir schon vorher etwas andere zurechtlege: ich ziehe mein Sportklamotten an oder lege meinen Zeichenblock zurecht; ich habe immer ein Sachbuch zuhause. Interssanterweise schlafe ich darüber nicht ein. Bei Romanen bin ich nach spätestens einer halben Stunde weg.
  5. Der Sonntag ist ja bereits besetzt. Wenn dann nochmal maximal 2 Tage dazukommen, ist das für mich ok.
  6. Meine Top-Routine ist das Laufen. Das mache ich seit Jahrzehnten. Was ich einmal geschafft habe, schaffe ich nochmal.
  7. Jedesmal wenn ich zufrieden ins Bett gehe, weil ich keine Zeit vor dem Fernseher verplempert habe, habe ich das allein mir zu verdanken!
    Jeden Abend, wenn ich nach einem Hänger wieder in die Spur gekommen bin, habe ich das mir zu verdanken.
    Jedesmal, wenn ich meinem Impuls nachgegeben habe, habe ich alleine die Entscheidung getroffen.

Das halbe Jahr ist längst verstrichen und so ganz zufrieden bin ich noch nicht. Macht aber nichts. Ich bleib dran. Irgendwann werden sich meine Bemühungen bezahlt machen. Darauf freue ich mich jetzt schon.

Lesetipp: Die Macht der Gewohnheit

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Ich bevorzuge ja den Begriff “Bestandsaufnahme” statt Ausmisten. Wenn Sie wissen möchten, was für mich der Unterschied ist und wie Sie die für sich richtigen Entscheidungen treffen können, dann schauen Sie doch in meinen kompakten Ratgeber “Die drei Säulen der Ordnung”.

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