Erin­ne­run­gen los­las­sen ler­nen – so geht’s

Alte Fotos in einer Holzkiste

Wolf­gang und ich ste­hen schnau­fend im Woh­nungs­ein­gang. Gerade haben wir meh­rere Kis­ten aus dem Kel­ler in seine Woh­nung geschleppt. Was drin ist? “Keine Ahnung. Die Kis­ten ste­hen seit mei­nem Aus­zug bei mei­ner Ex-Freun­din im Kel­ler. Ich bin ja damals schnell aus­ge­zo­gen und hab wirk­lich ein­fach alles in diese Kis­ten geschmis­sen. Seit­dem habe ich es ver­mie­den rein­zu­schauen. Und ich sags Dir – mir graut’s vor ihnen.” Warum es ihm denn kon­kret graue, frage ich nach. “Naja – ich ver­mute, dass da jetzt ganz schön viele Erin­ne­run­gen hoch­kom­men und ich habe keine Ahnung, was jetzt auf mich zukommt.” Erin­ne­run­gen los­las­sen ist schon die Königs­dis­zi­plin. Aber, beru­hige ich Wolf­gang, wir haben jetzt schon soviel aus­sor­tiert und er ist inzwi­schen sehr geübt. Er wird auch die­ses Kate­go­rie gut meis­tern.

Erin­ne­run­gen los­las­sen ler­nen

Wolf­gang bleibt skep­tisch. Aber das kenne ich schon. Wes­halb ich ihn daran erin­ne­ren, dass er bei der Klei­dung, bei den Büchern, beim Papier­kram – eigent­lich bei fast allem – sehr ver­zagt war. “Das wird jetzt schwer” war der Satz, der jedes­mal gefal­len ist. Und dann war es doch soviel leich­ter, als er gedacht hätte. Ich packe also eine der Kis­ten, stelle sie auf den Küchen­tisch und bitte Wolf­gang, sie zu öff­nen. Tat­säch­lich. Der Blick in die Kiste lässt kei­nen Zwei­fel auf­kom­men. Das wird kom­plex. Ich sehe aber auch gleich, dass sich nicht nur Erin­ne­run­gen darin fin­den. Son­dern auch alte Rech­nun­gen, Büro­ma­te­rial, Werk­zeug, Zeug aus dem Bade­zim­mer.
Ich schaue Wolf­gang an, er atmet ein­mal tief ein und nickt mich dann an. Los geht’s!

Erin­ne­rung ist nicht gleich Erin­ne­rung

Es hat wenig Sinn, sich ein schlaues Sys­tem zu über­le­gen, wenn man Misch­masch-Kis­ten vor sich hat. Wir begin­nen ein­fach, einen Gegen­stand nach dem ande­ren raus­zu­neh­men. Vie­les lan­det sofort im Müll und Son­der­müll. Alte Kas­sen­zet­tel, zer­knit­terte Klar­sicht­hül­len, ange­fan­gene Sei­fen­stü­cke, Flip-Flops, aus­ge­lau­fene Bat­te­rien und unnütze Kabel. Vie­les kommt gleich an den rich­ti­gen Platz. Notiz­blö­cke, ein Schrau­ben­zie­her und ein Cut­ter. Dazwi­schen fischt Wolf­gang Erin­ne­run­gen raus. Jetzt geht es darum her­aus­zu­fin­den, wel­che Bedeu­tung diese Erin­ne­run­gen für Wolf­gang haben. Ich helfe ihm mit Fra­gen zu fil­tern: soll er diese Erin­ne­rung los­las­sen oder auf­he­ben?

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Schatz oder Schrott?

Ich hatte als Kind so ein Spiel, bei dem man bunte Plas­tik­fi­sche gean­gelt hat. Die Fische hat­ten ein Magnet am Maul und die Angel auch. Es gab eine Umran­dung aus Pappe, die wie ein Aqua­rium aus­sah. Darin lagen die Fische. Reihum hat man dann mit der Angel blind in die­sem Aqua­rium her­um­ge­rührt, die Angel dann hoch­ge­ho­ben und gehofft, dass man einen Fisch gefan­gen hat. Es gab aber nicht nur Fische, son­dern auch Schuhe, Dosen, Fisch­ske­lette. Hatte man das gefan­gen, zog man ein ent­täusch­tes Gesicht, ertrug das Kichern der Mitspieler*innen und warf den schlech­ten Fang wie­der zurück. Ich erzählte Wolf­gang von dem Spiel. Irgend­wie mach­ten wir doch gerade das­selbe. Ich ver­sprach Wolf­gang, dass er erken­nen würde, was Schatz und was Schrott ist. Die Erin­ne­run­gen los­zu­las­sen wird ihm dann nicht nur leicht fal­len, es wird ihm ein Bedürf­nis sein.

Erin­ne­run­gen los­las­sen ohne Schuld­ge­fühle

Wolf­gang geht es wie allen mei­nen Kund*innen. Der Gedanke “da hän­gen Erin­ne­run­gen dran” löst eine große Scheu aus. Darf man Erin­ne­run­gen über­haupt aus­mis­ten? Was pas­siert mit mir und mei­nem Gedächt­nis, wenn ich Erin­ne­run­gen los­lasse? Ist es nicht respekt­los, wenn ich Erin­ne­run­gen an Men­schen aus­sor­tiere? Ja. Nicht viel. Nein. Das wären mal die ganz knap­pen Ant­wor­ten auf diese Fra­gen.
Wir star­ten mit einer Medaille eines Staf­fel­lau­fes. Der Lauf ist, so steht es auf der Medaille, 13 Jahre her. Wolf­gang ist damals mit Kolleg*innen sei­ner alten Firma gelau­fen. Ungute Erin­ne­run­gen kom­men hoch. An die schlechte Arbeits­at­mo­sphäre und die lang­wei­lige Arbeit. Keine schöne Erin­ne­rung also – die Medaille kommt weg. Mit vie­len Din­gen aus der Kiste ver­hält es sich ähn­lich: das Sou­ve­nir aus einem ver­patz­ten Som­mer­ur­laub plus die dazu­ge­hö­ri­gen Flug­ti­ckets und Pro­spekte. Ein Kon­zert-T-Shirt einer Band. Das Kon­zert war eine Über­ra­schung für ihn gewe­sen. Die Band kannte er gar nicht. Die Musik fand er schreck­lich. Spä­ter stellte sich das Geschenk als ein Miss­ver­ständ­nis her­aus. Der Freund, der ihn über­ra­schen wollte, war sich 1000% sicher, dass Wolf­gang von der Band geschwärmt hätte. Tat­säch­lich hatte sich der Freund ver­hört – Wolf­gangs dama­lige Lieb­lings­band hieß ähn­lich. Aber eben doch anders.

Banale Erin­ne­run­gen los­las­sen, bitte

Eine andere Kate­go­rie von Erin­ne­run­gen, die man ohne Schuld­ge­fühle gehen las­sen kann, sind banale Erin­ne­run­gen. Nach einem Sta­pel uralter Rech­nun­gen, stößt Wolf­gang auf Muscheln und Fläsch­chen vol­ler Sand. Post­kar­ten mit wenig ein­falls­rei­chem Text (“Viele Grüße aus XY), Aus wel­chem Urlaub sind die über­haupt? Wenn man sich nicht mehr daran erin­nern kann, dann sind es keine Erin­ne­run­gen mehr. Mit Erin­ne­run­gen ver­hält es sich, wie mit allem ande­ren auch. Sie haben ihre Zeit, ver­än­dern ihre Bedeu­tung und ver­lie­ren sie manch­mal ganz.

Erin­ne­run­gen los­las­sen und Schätze heben

Plötz­lich hält Wolf­gang eine Schach­tel mit Stoff­ta­schen­tü­chern in der Hand. Von sei­nem Groß­va­ter. Sein Groß­va­ter war ein ganz beson­ders wich­ti­ger Mensch in sei­nem Leben. Die Taschen­tü­cher blei­ben. Wir wer­den spä­ter über­le­gen, wie er die Taschen­tü­cher auf­be­wah­ren kann. In einer Erin­ne­rungs­kiste oder möchte er sie lie­ber in sei­nen All­tag ein­bauen, damit er sich ganz oft an sei­nen Opa erin­nern kann. Nach der hal­ben Kiste hat Wolf­gang das Prin­zip ver­stan­den: schlechte Erin­ne­run­gen (leich­ter Ärger macht sich bemerk­bar) wer­den kei­nen Platz mehr in sei­nem Leben bekom­men, banale Erin­ne­run­gen (inner­li­ches Schul­ter­zu­cken) eben­so­we­nig. Schuld­ge­fühle sind unnö­tig. Wol­fang darf und soll über sei­nen Lebens­raum bestim­men, ohne Ein­flüs­te­run­gen selt­sa­mer Kon­ven­tio­nen.
Sogar die Briefe sei­ner Ex-Freun­din schmeißt er jetzt weg. Sie erin­nern ihn zusehr an die sehr schmerz­hafte Tren­nung. An die schö­nen Zei­ten könne er sich auch so erin­nern. Und zwar dann, wenn er wolle. Dafür brau­che er keine Gegen­stände.
Wolf­gang ist fast ein wenig im Rausch und manch­mal bremse ich ihn sogar ein. Z.b. bei sei­nen alten Zeich­nun­gen aus der Volks­schule. Ich finde, das sollte er zu einem spä­te­ren Zeit­punkt noch­mal drü­ber nach­den­ken.

Erin­ne­run­gen sinn­voll auf­be­wah­ren

Zum Schluss über­le­gen wir, wie Wolf­gang seine Erin­ne­run­gen so auf­be­wahrt, dass er auch Zugang dazu hat. Also: statt sich zufäl­lig erin­nern, wenn er mal wie­der aus­mis­tet, alte Kis­ten aus dem Kel­ler holt oder die Ord­nungs­coa­chin kommt, sollte er die Mög­lich­keit haben, sich zu erin­nern, wenn er den Wunsch ver­spürt.

  1. Raus auf die Bühne mit den Erin­ne­run­gen
    Man­che Erin­ne­run­gen wer­den in Wolf­gangs All­tag ein­ge­baut. Es ist viel befrie­di­gen­der, ein paar Stü­cke von sei­nem Opa auf­zu­be­wah­ren und die tat­säch­lich täg­lich zu ehen oder zu ver­we­den, statt eine ganze Samm­lung in einer unzu­gäng­li­chen Kiste zu ver­wah­ren. Von den Taschen­tü­chern hebt er nur das schönste auf. Es wird ein einen Foto­rah­men kom­men und der wird im Ein­gangs­be­reich auf­ge­hängt. Ab jetzt wird sich Wolf­gang jeden Tag mehr­mals mit lie­be­vol­len Gedan­ken an sei­nen Opa erin­nern.
    Aus drei sei­ner Kon­zert-T-Shirts wird er sich Kis­sen­be­züge für sein Sofa nähen las­sen. Aus der Muschel­samm­lung fischt er eine beson­ders große und funk­tio­niert sie zu einer Sei­fen­schale um.
  1. Bio­gra­phi­sche Mei­len­steine
    Für seine Erin­ne­run­gen in Papier­form legen wir einen Ord­ner an. Dort sam­melt er chron­lo­gisch alles, was in sei­nem Leben von Bedeu­tung war, wor­auf er stolz ist, was ihn geprägt hat. Ab jetzt hat er somit auch einen Ort für seine zukünf­ti­gen Mei­len­steine.
  2. Erin­ne­rungs­kiste
    Blei­ben noch ein paar Sachen, für die er eine Erin­ne­rungs­kiste ein­rich­tet, z.b. seine Baby­schuhe, seine Koch­mütze von sei­ner Aus­bil­dung als Koch, ein paar Floppy-Disks.

Erin­ne­run­gen los­las­sen ist auch Klä­rung der Ver­gan­gen­heit

Wenn wir ding­li­che Erin­ne­run­gen mit kla­rem Blick los­las­sen, ist das auch immer so etwas wie eine Rei­ni­gung der Ver­gan­gen­heit. Natür­lich ist der Pro­zess mit Trauer ver­bun­den. Aber so ist das eben, wenn wir Abschied neh­men. Abschied ohne Trauer zu spü­ren ist nicht mög­lich. Aber im Kiel­was­ser der Trauer erle­ben wir etwas ganz Neues: das befrei­ende Gefühl, Frie­den zu schlie­ßen.

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