4 Dinge, die beim Ausmisten nicht passieren dürfen

Es ist eine Wahrheit, die alle meine KundInnen insgeheim schon ahnen. Es ist einer der ersten Sätze, wenn ich mit neuen KundInnen bespreche, wie wir ihr Ordnungsprojekt in Gang bringen: zu Beginn steht die Reduzierung. Und obwohl sich fast alle schon damit beschäftigt haben: Wie ausmisten richtig funktioniert, darüber haben sie sich bisher noch keine Gedanken gemacht.

“Mit der Menge an Dingen, könnte auch ich keine Ordnung halten.” Auch ein Teil der Wahrheit und oft der Folgesatz. Denn ich weiß genau, viele hegen die leise Hoffnung, dass ich durch Falten, Stapeln, Schlichten aus ihrer Wohnung die extra benötigten Quadratmeter quetsche.

Klar: Falten, Stapeln und Schlichten bringt auf jeden Fall etwas. Platz und vor allem Übersicht. Aber das allein reicht in kaum einem Fall. Mir ist wichtig, dass meine KundInnen genau wissen, was zu tun ist. Sie müssen entscheiden können, ob sie zum Ausmisten bereit sind. Erst dann ist es wirklich sinnvoll zusammen zu arbeiten.

Die allermeisten nicken. Einige begeistert, weil sie sowieso schon ganz hibbelig in den Startlöchern stehen. Manche etwas enttäuscht, aber verständig. Nur ganz wenige lehnen eine sorgfältige Bestandsaufnahme kategorisch ab. In diesen wenigen Fällen braucht es dann jemand anderen: vielleicht eine Innenarchitektin.

Letztens war ich bei einer Kundin und nach dem Rundgang durch die Wohnung, stellte ich also meine Wahrheit klar und deutlich in den Raum. Die Kundin schluckte. “Ihr Ordnungsproblem ist ein Platzproblem. Sie können das auf zwei Arten lösen: eine größere Wohnung oder Reduktion. Ich kann Ihnen bei der zweiten Lösung helfen.” Die Kundin ließ sich seufzend auf 5 Stunden Kleider aussortieren ein.

Ausmisten ist nicht gleich Ausmisten

Ein Satz den ich umgekehrt sehr, sehr oft von meinen KundInnen höre ist: “Wie ausmisten? Ich habe eigentlich erst ausgemistet.” Auch diese Kundin wollte mich mit diesem Satz überzeugen. Der Blick in den Kleiderschrank überzeugte mich aber keineswegs. Er war übervoll, es gab keine Struktur und die wirklich schönen Stücke knitterten vor sich hin.

Ich habe zu Beginn meiner Tätigkeit ein bißchen gebraucht, bis ich kapiert habe, was das mit dem “Ich hab eigentlich erst ausgemistet” auf sich hat. Nach all den Jahren als Ordnungscoach weiß ich aber inzwischen genau, dass ein zweiter Anlauf mit mir ein besseres Ergebnis bringt. Deshalb lasse ich mich von diesem Satz nicht mehr ablenken. Meine Antwort: “Wunderbar. Wir nehmen jetzt die nächste Stufe und schauen einfach mal, was passiert. Ich bin 100%ig sicher, sie werden noch klarere Entscheidungen treffen.”

(Eine gute Grundlage für bessere Entscheidungen finden Sie in meinem Kleiderschrank-Check “Die 5 Augenöffner”.)

1. Raus aus dem Schrank

Ok – wir legen also los. Und schon der erste Schritt ist einer, den viele beim Aussortieren auslassen: alles, aber auch alles wird aus dem Schrank genommen. Meist machen wir das in Etappen, weil sonst die Überforderung zu groß wäre.

Was stattdessen passiert: Die Kleider bleiben im Schrank und man “blättert” so durch. Halbherzig und ohne ein wirkliches Ziel. Wenn dann ein paar Stücke aussortiert werden, wird der Schrank schnell wieder zugemacht: ein paar Stücke? Reicht doch! Hab ja was ausgemistet. Dass man beim Ausmisten durch die Routine auch immer besser wird, kann man so allerdings nie erfahren.

Was deshalb nicht passieren kann: Das halbherzige Durchblättern ist die Folge einer halbherzigen Entscheidung. Stattdessen ist da so ein schwammiges Pflichtgefühl: “man sollte mal wieder ausmisten”. So schwammig formulierte Vorhaben werden auch schwammig ausgeführt. Die Konfrontation mit der Menge bleibt aus. Die ist aber wichtig. Sonst ist es schlicht unmöglich, klare Entscheidungen zu treffen. Ein lautes “Ja” und ein deutliches “Nein” zu spüren. Erst mit dem deutlichen Gefühl ist auch eine Handlung möglich.

Also: nur wenn Sie wirklich jeden Gegenstand aus Schrank, Regal oder Schublade nehmen, haben Sie eine Chance, ihn gründlich unter die Lupe zu nehmen.

2. Das mach ich zwischendurch

Weiter geht’s. Ich habe die Kundin also überzeugt, wirklich alle Kleidung aus dem Schrank zu holen und in Etappen auf einen Haufen zu legen. Die Erschöpfung ist schon jetzt zu ahnen. Aber wir bleiben dran.

Was stattdessen passiert: Die Menge scheint unendlich. Das oberste Stück ist auch gleich so schwierig. Ich leg das erstmal zur Seite und nehme ein anderes. Wie soll es jemals möglich sein, diesen Berg zu bezwingen? Vor allem, weil er ja nur ein Berg von vielen ist. Ach ja und da klingelt auch schon das Telefon. So ein Glück. Da muss ich ja wohl rangehen. Während des Gespräches fällt mir ein, dass ich ja noch die Wäsche anschalten wollte. Das mach ich mal eben schnell…. Die Ablenkungen geben sich die Klinke in die Hand. Der Kleiderhaufen bringt sich zwar immer wieder zaghaft in Erinnerung, aber jetzt sind doch wohl andere Sachen wichtiger, oder?
Eine sorgsame Bestandsaufnahme funktioniert nicht nebenher. Man braucht dafür einen reservierten Zeitraum, in dem man ohne Ablenkung arbeitet. Ja – Ausmisten ist Arbeit. Denkarbeit. Arbeit an und mit der eigenen Person.

Wenn Sie mal ein Routinier sind, dann klappt das Aussortieren auch nebenher. Aber für Anfänger empfehle ich unbedingt, sich konkret und ernsthaft Zeit zu nehmen.

Was deshalb nicht passieren kann: Ein Erfolg! Wer sich keine Zeit reserviert, gibt sich selbst ein schlechtes Signal. Es fehlt die Ernsthaftigkeit. Sie werden sicher aus Ihrem Leben und Ihrem Alltag wissen: Dinge, die Ihnen wirklich am Herzen liegen, bekommen von Ihnen Zeit gewidmet. Da gibt es auch keine Unterbrechungen. Deshalb gelingen diese Dinge auch. Sie werden nach und nach erledigt und können letztendlich abgeschlossen werden.
Das was bei anderen Vorhaben funktioniert, funktioniert auch beim Aussortieren. Geben Sie sich selbst das Signal, dass Sie es wirklich ernst meinen. Eiern Sie nicht mehr herum. Reservieren Sie Zeit und ignorieren Sie Störungen. Es gibt nur ganz wenige Dinge, die nicht 3 oder 4 Stunden warten können.

Pausen machen

Wenn der Kopf schwirrt, ist es wichtig eine kurze Pause zu machen. Ich weiß, das Entscheiden ist eine anstrengende Sache. Deshalb scheuen wir uns ja auch oft so davor. Wenn ich mit meinen KundInnen aussortiere holen wir die Entscheidungsarbeit nach. Die Summe der nicht-getroffenen Entscheidungen – das ist der Grund, warum ich um Rat und Hilfe gebeten werden. Jetzt heißt es, sich nicht entmutigen zu lassen und einfach immer nur an das Stück zu denken, das man gerade in den Händen hält.

3. Wer bin ich? Angst vor dem Abschied

Wer lange nicht ausmistet, hat es manchmal mit Jahrzehnten der eigenen Geschichte zu tun. Die Business-Kostüme, die gar nicht mehr zur jetzigen Tätigkeit passen. Die zu große und zu kleine Kleidung. Die Fehlgriffe bei Farben und Schnitten. Die Ausrüstung für Sportarten, die längst nicht mehr ausgeübt werden. Kleider, die sich das Phantasie-Ich eingebildet hat.

Wer bin ich denn jetzt und was brauche ich jetzt? Wie muss mein Kleiderschrank sein, damit er mich unterstützt?

Bestandsaufnahme heißt unweigerlich, Abschied nehmen. Abschied von alten Zeiten, Lebensphasen, Vorstellungen und dem Körper, wie er einmal war.

Wie ausmisten das pure “Ich” zum Vorschein bringen wird, erfahren viele Menschen nicht. Sie versuchen das Gefühl des Abschiednehmens zu vermeiden. Dabei vergrößern sie in ihrer Vorstellung dieses Gefühl auch noch. Aber nur wenn Sie sich trauen Abschied zu nehmen, können Sie die Person kennenlernen, die Sie jetzt gerade sind. Und erst dann können Sie auch für genau diese Person gut sorgen.

Was stattdessen passiert: In der Tat quälen wir uns mit den Vorstellungen, wie weh der Abschied tun könnte, häufig über Jahre. Immer und immer wieder. Wir durchleben einen vermuteten Schmerz in einer Intensität, in der er in der Realität selten auftritt. Weil wir unsere Vorstellung immer und immer wieder durchleben, leiden wir also häufig viel mehr also nötig. Und das auch noch freiwillig. Verrückt, oder? Aus Angst vor dem Abschiedsschmerz – ja genau dem, den wir sowieso immer wieder heraufbeschwören – werden Entscheidungen verschoben, nicht klar genug getroffen oder komplett verweigert. Wer sich aber nicht gegen etwas entscheidet, entscheidet sich auch nicht für etwas.

Was deshalb nicht passieren kann: Abschied ist nichts Schlechtes. Das traurige Gefühl, dass wir dabei empfinden, bleibt nicht für immer und ewig. Es wird schwächer und macht der Erleichterung Platz. Und auch dem Stolz, sich getraut zu haben.

Ich weiß das. Auch im empfinde manchmal beim Aussortieren eine Wehmut. Aber inzwischen habe ich tausendfach die Erfahrung gemacht, dass diese Wehmut vorüberzieht. Was bleibt ist die Freude. Nicht nur am gewonnen Platz. Auch die Freude, bewusst mit manchen Dingen abgeschlossen zu haben. Es ist immer der gleiche Verlauf. Darauf können Sie sich verlassen. Die Erleichterung wird einsetzen. Die Wehmut wird verblassen. Der anfängliche Abschiedsschmerz ist lediglich der Auftakt.

Viele KundInnen sind überglücklich, wenn sie merken, dass der tatsächliche Abschiedsschmerz überhaupt nicht so schlimm ist, wie sie ihn sich ausgemalt haben. Nur wer sich einmal traut und das Experiment wagt, kann herausfinden, ob der tausendfach ausgemalte Schmerz tatsächlich so schlimm ist. Was gibt es zu verlieren? Im schlimmsten Fall ist er wirklich so schrecklich. Also sowieso nichts wirklich Neues. Im wahrscheinlichsten Fall ist er aushaltbar. Im besten Fall tritt er gar nicht ein.

Was auf keinen Fall passiert: er ist noch schlimmer als gedacht.

4. Was lerne ich?

Auszumisten lediglich um Platz für Neues zu schaffen ist sehr kurzsichtig. Ich erarbeite mit meinen KundInnen deshalb immer Strategien für zukünftige Situationen. Eine gründliche Bestandsaufnahme hat auf jeden Fall den Zweck, für zukünftige Entscheidungen bestens gerüstet zu sein.

Was stattdessen passiert: Weil das ja alles so unangenehm ist, versucht man es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Es fehlt eine gute Entscheidungsgrundlage: was ist mein Ziel? Wo biege ich bei einer Weggabelung ab? Was mache ich, wenn es schwierig wird?

Wenn Sie oberflächlich arbeiten, nehmen Sie sich die Gelegenheit, zu lernen. Mehr über sich zu erfahren. Zu verstehen, was Sie tun können, um nie wieder vor einer solchen Situation zu stehen.

Ok, dafür sind sie schnell fertig. Zumindest für diesen Tag. Denn schon morgen öffnen Sie Ihren Schrank und denken sich “Ich hab doch gestern ausgemistet – warum merke ich davon nichts.”

Was deshalb nicht passieren kann: Auch wenn es mir natürlich neue Aufträge bringen würde – mir ist sehr daran gelegen, meine KundInnen so zu schulen, dass es nie wieder zu so überfordernden Situationen kommen wird. 

Eine sorgsame Bestandsaufnahme garantiert Ihnen, dass Sie entscheidungssicher werden und die Scheu vor dem Aussortieren ein für alle Mal verloren haben.

Meine Kundin war nach 5 Stunden fix und fertig. Aber sie hat über sich erfahren, dass sie doch besser entscheiden kann, als sie dachte. Nur die Hälfte der Kleider kommt wieder in den Schrank. Die andere Hälfte in ein Mutter-Kind-Heim.

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Ich bevorzuge ja den Begriff “Bestandsaufnahme” statt Ausmisten. Wenn Sie wissen möchten, was für mich der Unterschied ist und wie Sie die für sich richtigen Entscheidungen treffen können, dann schauen Sie doch in meinen kompakten Ratgeber “Die drei Säulen der Ordnung”.

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